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Aus der Krise zu neuer Solidarität

Bei den konfessionellen Volksgruppen im Libanon handelt es sich zunächst einmal um die römisch-katholischen Christen, die „Maroniten“, wie sie sich selbst nach einem ihrer Heiligen nennen, die zur Zeit der Unabhängigkeit von Frankreich 1944 die Bevölkerungsmehrheit stellten. Dann gibt es die sunnitischen Muslime, zu denen auch die durch die Gründung von Israel aus Palästina vertriebenen und im Libanon ansässigen Palästinenser zählen. Heute zahlenmäßig die größte Gruppe sind jedoch die schiitischen Muslime mit ihrem militärischen und politischen Arm der „Hisbollah“ (Partei Gottes), die eng mit dem schiitischen Iran kooperieren und die Politik des Landes ganz wesentlich in dessen Interesse bestimmen. Weiter gibt es kleinere Volksgruppen wie die der Drusen,  der orthodoxen Christen, der Armenier sowie einige andere Gruppen, die zwar alle repräsentiert sein wollen, jedoch nicht wesentlich am Regierungsproporz beteiligt sind. Die Aufteilung der politischen Macht unter diesen Gruppen war nach der Unabhängigkeit von Frankreich bis zum Bürgerkrieg in den siebziger Jahren durchaus friedenssichernd, und wurde wohl deshalb erneut nach Ende des Bürgerkriegs Mitte der neunziger Jahre bis heute formell respektiert, obwohl sich die Bevölkerungszahl stark zu Ungunsten der christlichen, und zu Gunsten der islamischen, insbesondere der schiitischen Bevölkerungsgruppe entwickelt hatte. Letzteres hat verständlicherweise zu einer klientelistischen, d.h. an den Interessen der jeweiligen Bevölkerungsgruppe orientierten Politik geführt, was das Finanzsystem für Korruption im großen Maßstab geöffnet, und zu der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise geführt hat. Diese Krise hat ihren offensichtlichen Höhepunkt in der Jahrhundert-Explosion von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut gefunden, die fast 200 Tote und mehr als 6000 Verletzte gefordert hat. Tragischerweise hat diese Explosion besonders die überwiegend christlichen und nach dem Bürgerkrieg prächtig wiederaufgebauten Stadtteile verwüstet, die wie in einem Amphitheater halbkreisförmig um den Hafen gruppiert sind. Die ärmeren Stadtteile im Süden Beiruts mit schiitischer Bevölkerung sind kaum betroffen. Dennoch geben die Bilder von interkonfessionellen Initiativen junger Leute Hoffnung, die angesichts des völligen Staatsversagens ohne Ansehen der Person erste Hilfe leisteten, so wie sie bereits vor der Katastrophe wochenlang gemeinsam gegen die korrupten Staatsinstitutionen protestiert hatten.
Trotz dieser versöhnlichen Bilder darf man nicht außer Acht lassen, dass es die schiitischen Muslime mit ihrer „Gottespartei“ Hisbollah sind, die nicht nur den Dauerkonflikt um die Existenz eines jüdischen Staates in Palästina, sondern auch zwischen den religiösen Volksgruppen innerhalb des multiethnischen Staates Libanon schüren. Dazu gehört neben der ständigen Erhöhung des gegen Israel gerichteten Waffenarsenals auch die militärische und finanzielle Unterstützung des mörderischen Assad-Regimes in Syrien. Um diese extrem teuren Aktivitäten am maroden Staatshaushalt vorbei durch Zölle und illegale Machenschaften zu finanzieren, hat sich die „Hisbollah“ der Importtore des Landes, also des Flughafens und des Seehafens in Beirut bemächtigt, und ist somit hauptverantwortlich für die unsachgemäße Lagerung des Ammoniumnitrats, und somit für die Riesenexplosionskatastrophe. Das ist nun die zweite Zerstörungswelle nach dem verheerenden Bürgerkrieg, der ebenfalls seinen Brennpunkt genau in den überwiegend christlichen Stadtteilen der Millionenmetropole Beirut hatte, die nun wiederum am stärksten betroffen sind. Damit wird insbesondere die Position der katholischen Kirche im Nahen Osten geschwächt, nachdem die christlichen Gemeinschaften in Irak und Syrien aufgrund der dortigen Kriege fast ganz ausgelöscht worden sind.
Hat es wirklich erst eines blutigen Bürgerkriegs, einer jahrelangen Besetzung durch den syrischen Nachbarn, zahlreicher Attentate wie auf den früheren Premierminister Rafiq al Hariri, einer Wirtschafts- und Finanzkrise, und zuletzt einer der Klientelpolitik geschuldeten Explosionskatastrophe bedurft, um zu erkennen, dass es grundsätzlicher Veränderungen bedarf?
Zunächst müsste das überkommene Proporzsystem der Politik stark eingeschränkt und durch eine technisch kompetente und dem Gemeinwohl statt dem Interesse einer konfessionellen Gruppe verpflichtete Regierung ersetzt werden. Ob es eine solche Regierung geben wird, ist zur Zeit jedoch leider nicht ersichtlich. Hoffnung gibt das lobenswerte Engagement der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich mit seinem Präsidenten Macron, wenn auch geostrategische Interessen Europas zur Eingrenzung der türkischen Expansionspolitik durchaus ein Motiv für das Interesse am Libanon sein dürften. Zur Beilegung der Schuldenkrise und zur Milderung der Wirtschaftskrise bleibt also nur der Druck in Form einer Konditionierung der internationalen Finanzhilfe durch IMF, Weltbank, Europäische Entwicklungsbank, KfW etc., was den Bankensektor weitgehend unter externe Kontrolle stellen würde.
Zurzeit ist es jedoch unmöglich, Hilfsgelder über das marode Bankensystem legal zu den Menschen zu bringen, die sie wirklich benötigen.
Uns hier in Deutschland bleibt als Christen nur die Möglichkeit, solidarische Hilfsbemühungen durch Spenden an christliche Nicht-Regierungsorganisationen und durch direkte Zuwendungen an geschädigte Freunde und Familien zu finanzieren. Dabei ist noch zu klären, wie diese Hilfe ohne größere Transferkosten tatsächlich zu den Bedürftigen gebracht werden kann.

Wenn sie trotzdem etwas für den Bestand und die Aufbauarbeit der christlichen Gemeinden im Libanon tun möchten, können Sie eine Spende an das Konto der katholischen Pfarrgemeinde Emmelshausen (Stichwort „Libanon“) senden.

Pfarrgemeinde Emmelshausen;
Stichwort „Libanon“;
KSK Rhein Hunsrück;
DE17 5605 1790 0006 6036 41

Text: Paul und Bernadette Weber-Zouein, Dörth/ Fotos: Familie Zouein, Beirut