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Fixpunkte in der Rhein-Hunsrück-Zeitung

Fixpunkt, erschienen in der RZ am 10.09.2021

Christus hat keinen Körper, außer deinem

Als ich in den Sommerferien mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen an der Ahr im Einsatz war, sah ich es. Einst schmückte es sicherlich die Wand einer Wohnung, nun lag es im Dreck: zerkratzt, übersehen, am Boden. Der Korpus war im Schlamm verborgen, sodass ich nur das Kreuz erkennen konnte. Und dieses Kreuz, auf dem Jesus nicht zu sehen war, drängte mir die Frage auf: Wo ist Gott angesichts des Leids, der Trauer und der Zerstörung um uns herum? Hat er seinen Blick abgewandt und seine Augen verschlossen?

Noch Tage und Wochen später beschäftigte mich dieses Kreuz. Und je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr wurde es für mich zum Symbol dafür, dass Gott seine Augen nicht abwendet, sondern, im Gegenteil, mitten unter uns ist, gerade im Schlamm. Er ist da in Gestalt von zahlreichen Helferinnen und Helfern, die täglich aus allen Teilen Deutschlands aufbrechen, um vor Ort nach ihren Möglichkeiten Menschen zu helfen. Er ist da durch Menschen, die jede Woche in einem Versorgungszelt aushelfen und älteren und kranken Menschen Nahrung bringen und ein offenes Ohr schenken. Er ist da in den unzähligen Einsatzkräften von Deutschem Roten Kreuz, Technischem Hilfswerk, Bundeswehr und vielen anderen. 

Das Kreuz im Schlamm lässt mich noch immer nicht los. Es macht mir deutlich: Wir glauben an einen „heruntergekommenen“ Gott, der nicht von oben richtet, sondern in allem Schlamm unseres Lebens dabei ist – zerkratzt, übersehen, am Boden – und aufrichtet; der seine Augen nicht abwendet angesichts des Leids, sondern unsere Herzen öffnet, damit wir uns von der Not anderer anrühren lassen. „Ich habe das Elend meines Volkes (…) gesehen und seine Klage gehört. Ich bin herabgestiegen, um sie zu retten. Und jetzt geh, ich sende dich“ (Apostelgeschichte 7,34).

Auf diese Weise aktualisiert das Kreuz im Schlamm ein Gebet der heiligen Teresa von Ávila: „Christus hat keinen Körper, außer deinem. Keine Hände, keine Füße auf der Erde, außer deinen. Es sind deine Augen, mit denen er sieht; er leidet mit dieser Welt. Es sind deine Füße, mit denen er geht, um Gutes zu tun. Es sind deine Hände, mit denen er die Welt segnet. Christus hat jetzt keinen Körper auf der Erde, außer deinem.“

Tobias Petry, Pastoralreferent im Dekanat St. Goar

Fixpunkt, erschienen in der RZ am 06.08.2021

Urlaubsreif? Gute Begegnungen lassen leben

Sind Sie auch urlaubsreif? – Wenn es auf dem Sommer zugeht, oder wenn arbeitsreiche Wochen hinter mir liegen, sehne ich mich nach Erholung und Entspannung. Jeder weiß, dass das Leben immer wieder neue Herausforderungen in Beruf und Familie mit sich bringt, egal in welchem Alter. Die Auswirkungen der Pandemie oder die Folgen der Flutkatastrophe in unserer Nähe bringen für Viele ganz neue Sorgen und Probleme mit sich. Manchmal zeigt sich dann Erschöpfung, Mutlosigkeit und Resignation. Kurz gesagt, man sehnt sich nach einer Unterbrechung, man ist urlaubsreif.

Eine ähnliche Erfahrung kannte bereits Elija aus dem Alten Testament unserer Bibel (1. Buch der Könige, 19, 4-8). Ihm fehlte die Kraft, und er sah keine Perspektiven mehr für sich und sein Leben. Nachdem er mit seinem Leben abgeschlossen hatte, legte er sich unter einen Ginsterstrauch und wollte einschlafen. Während er schlief rührte ihn ein Engel an und forderte ihn auf, von dem Brot zu essen und von dem Wasser zu trinken, dass er bereitgestellt hatte, als Stärkung für ihn. Gestärkt durch diese Begegnung konnte Elija seinen Weg weitergehen.

In diesen Wochen haben viele Menschen Urlaub. Die Kinder haben Schulferien und manche Betriebe schließen für ein paar Tage um Urlaub zu ermöglichen. Viele sind froh, wieder reisen zu können, Andere verbringen die Ferien lieber zu Hause und genießen die freie Zeit. Wenn wir auf die Erfahrung des Elija schauen, dann trägt aber nicht das Reisen oder das Wellness-Programm entscheidet zu seiner Erholung bei. Vielmehr ist es die Begegnung mit dem Engel und die Stärkung mit den ganz alltäglichen Lebensmitteln, die ihm neue Kraft gibt.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in diesen Tagen auch eine solche Erfahrung machen können, egal ob zu Hause oder im Urlaub. Aus den ganz alltäglichen Begegnungen und Gaben können wir Kraft schöpfen für unser Leben und unseren Weg – im Urlaub wie zu Hause. Und vielleicht gelingt es auch, Gott in dieser Situation zu begegnen, der unserem Leben immer wieder neue Kraft geben will. So wünsche ich Ihnen gute Erholung und vor allem gute Begegnungen!

Christian Adams, Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Vorderhunsrück

Fixpunkt, erschienen in der RZ am 09.07.2021

Auf Sendung

„Wir sind auf Sendung!“ Für jemanden, der beim Radio oder Fernsehen arbeitet, bedeutet dieser Satz höchste Aufmerksamkeit, volle Konzentration und vor allem: voller Einsatz! Wenn eine Sendung unterwegs ist – nicht nur im TV, sondern auch Briefe, Nachrichten oder das gesprochene Wort -, ist es schwer, sie aufzuhalten. Und umgangssprachlich heißt „auf Sendung sein“ so viel wie „aufgeputscht sein“ oder „von Glücksgefühlen durchströmt“.


Im Evangelium des kommenden Sonntags nach der katholischen Leseordnung (Mk 6, 7–13) gehen auch die Jünger Jesu „auf Sendung“. Jesus sendet sie, er schickt sie los, um sich mal auszutesten. Sie sollen anwenden, was sie verstanden haben. Auch hier: Ohne Netz und doppelten Boden, ohne Geld, ohne Methodenkoffer, aber immerhin zu zweit. Sie sollen sich nur auf die Botschaft verlassen. Er stattet sie mit Vollmacht aus, mit allem, was aus ihm herauskommt. Sogar heilen sollen sie und unreine Geister austreiben. 
DAS ist wie Nachrichtensprechen zur besten Sendezeit: Aufmerksam sein, konzentriert sein, alles geben. Aber: die Botschaft ist gradios, der Auftrag ist vom Chef persönlich und ER vertraut seinen Jungs. Sie sind nicht perfekt, keine Akademiker, keine großen Redner und schon gar nicht unfehlbar. 
Ich finde das unglaublich beruhigend. Jüngerinnen und Jünger sind wir doch alle. Jesus sendet nämlich auch mich und dich. Jede und jeden Einzelne*n. Er sendet uns, um seine Botschaft weiterzutragen. So unglaublich das auch klingen mag. Und wenn uns seine Botschaft wie ein Glücksgefühl durchströmt, kann können wir auch nicht anders, als auf Sendung zu gehen, davon zu erzählen und sein Vertrauen in uns ernst zu nehmen. Es braucht nicht viel. Aber es gibt auch keine Ausreden von wegen: Ich kann das nicht! oder: Sollen das mal lieber andere machen, die das gelernt haben. Nein, nein. Seine Botschaft braucht viele Sender, jede und jeden mit den je eigenen Fähigkeiten, Worten und Begabungen. Ich wünsche mir eine Kirche, die noch mehr Frequenzen ermöglicht, sich an den Chef und nicht an überkommene Lehrmeinungen hält und endlich auf allen begeisternden Kanälen senden lässt: für die beste und frohste Botschaft der Welt. 

Carsten Kling, Gemeindereferent in der Pfarreiengemeinschaft Vorderhunsrück
 

Fixpunkt, erschienen in der RZ am 04.06.2021

Alles ist anders – ist alles anders?

Corona hat alles verändert, so ist es immer wieder zu hören und in weiten Bereichen unseres Lebens trifft das auch zu:Es gibt - trotz der Lockerungen - immer noch viele Beschränkungen, die uns daran hindern, ein freies Leben zu führen. Das gilt auch im kirchlichen Bereich.

Am Donnerstag war Fronleichnam und es durften, wie im letzten Jahr, keine Prozessionen stattfinden, in den Gottesdiensten wird immer noch nicht gesungen und die Teilnehmerzahlen sind weiterhin begrenzt. Die Kommunionkinder werden per Onlinemeeting vorbereitet, das Gefühl von Gemeinschaft kommt dabei nicht auf. Sie hoffen sehr, in den nächsten Wochen mit ihren Familien das Fest der Erstkommunion feiern zu können. Die Menschen sehnen sich nach dem „normalen“ Leben, nach Treffen mit Freunden, nach einem sorgenfreien Einkaufsbummel, einem Ausflug ohne Angst vor Ansteckung oder einem Essen in einem schönen Restaurant. 

Aber ist wirklich alles anders?

Es gibt auch Konstanten in unserem Leben, die Corona nicht angreift: Familienmitglieder und Freund/innen halten Kontakt über Telefon, Briefe oder das Internet, um voneinander zu wissen, einander gerade in dieser schwierigen Zeit beizustehen, sich gegenseitig zu stärken. Nachbarn schauen, wo Unterstützung gebraucht wird und bieten diese an. Es sind Verbindungen entstanden in dieser Zeit, die hoffentlich auch darüber hinaus bestehen bleiben. 

Und: Vergessen wir Gott nicht! Er ist der, der für uns da ist. Das sagt schon sein Name im Alten Testament: „Jahwe“ bedeutet – Ich bin der, ich bin da. Sein Sohn Jesus Christus hat die Menschen, denen er begegnet ist, dieses Dasein Gottes spüren lassen. Sein Leben, sein Verhalten, sein Umgang mit den Menschen ist uns Vorbild für unser Leben. Zeigen wir allen, denen wir begegnen, dass wir Christen sind. Dass wir in der Nachfolge Jesu stehen, dass andere uns nicht egal sind, dass wir Interesse an ihnen haben und dort, wo es möglich ist für sie da sind. Gott möge uns dabei jeden Tag helfen!

Petra Kollmar, Gemeindereferentin der Pfarreiengemeinschaft Vorderhunsrück

Fixpunkt, erschienen in der RZ am 07.05.2021

„Die Kinder sind mir richtig ans Herz gewachsen.“

Welch´ ein schöner Satz. Ich spüre ganz viel Wohlwollen, Akzeptanz, Zugewandtheit. Und aus der Perspektive der Kinder, die da gemeint sind: Ich werde angenommen, wie ich bin. Hier darf ich sein. Hier darf ich mich wohlfühlen. Hier werde ich wahrgenommen. Hier werde ich gesehen. Hier wird auf meine Anwesenheit wert gelegt.

Dieser Satz hat seinen Sitz nicht in irgendeinem Buch schöner Sprüche oder einem anderen Text zur seelischen Erbauung. Nein, dieser Satz ist gesagt worden von einer 16jährigen im Rahmen der Abschlussreflexion der Osterferienbetreuung, die die JugendBegegnungsStätte (JBS) St. Michael, im Auftrag der Stadt Boppard vor Kurzem durchführte.

Der Satz beschreibt die Intensität der Beziehungen zwischen den teilnehmenden Kindern und den ehrenamtlich tätigen Betreuer*innen. Aufgrund der Corona Verordnung war die Teilnahmezahl beschränkt. Der Satz macht deutlich wie wichtig die Beziehung zwischen Menschen ist, wie wichtig Offenheit und vorurteilsfreies Zugehen aufeinander ist. In diesem konkreten Fall der Betreuer*innen auf die Kinder und die Kinder auf die Betreuer*innen. Es entstand eine Atmosphäre des gegenseitigen Respekts und des Wohlfühlens. Denn wie sonst konnten ihr die Kinder ans Herz wachsen, wenn sie nicht mit ihrer ganzen Person präsent gewesen ist? Natürlich gab es Konflikte unter den Kindern und die Einhaltung von Regeln war auch nicht immer selbstverständlich.

Aber die Haltung, die aus diesem Satz spricht, ist für mich das Wesentliche und sie erinnert mich an den Umgang Jesu mit den Menschen in seiner Umgebung und insbesondere mit den Kindern. Als Mitglieder seiner Gruppe damals Kinder wegschicken wollen, geht er hin und stellt sie in die Mitte, schenkt ihnen seine Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Vielleicht wäre es auch in der Pandemie wichtig, Kinder nicht nur als Infektionsrisiko zu sehen, sie in Wohnungen zu verbannen, zu Eltern, die oft auch überfordert sind mit home-schooling einerseits und home-office bzw. Arbeiten gehen andererseits Ihnen die Treffen mit ihren Freundinnen und Freunden, Kumpels und Kumpelinnen zu verbieten und die Vereinsaktivitäten einzustellen. Vielleicht sollten die Kinder gerade jetzt in den Mittelpunkt gestellt werden, sowie Jesus es getan hat. Denn sie sind die Zukunft unserer Gesellschaft.

Hermann Schmitt, Leiter der JugendBegegnungsStätte St. Michael in Boppard

Fixpunkt, erschienen in der RZ am 09.04.2021

Schmetterlinge im Kopf

Haben Sie auch manchmal einen Schmetterling im Kopf? Was sich zunächst anhört wie eine missglückte Redewendung ist tatsächlich passiert. In Regensburg machte man bei der Restaurierung eines Kreuzes die sensationelle Entdeckung im Hinterkopf der Figur des Gekreuzigten. Man fand ein Reliquiar in Schmetterlingsform, das aus dem 14. Jahrhundert stammt und die Kreuzigung Jesu zeigt.
Die Menschen dieser Zeit mussten von den Schmetterlingen ebenso fasziniert gewesen sein, wie wir heute.
Vielleicht ist es die Leichtigkeit, die von diesen Insekten ausgeht, vielleicht die vielfältigen bunten Farben oder die Verwandlung, die sie erleben. Als Raupen kriechen sie durch den Dreck des Bodens, in Angst vor Feinden, die sie fressen wollen. Und irgendwann beginnt für sie das Ende der ihnen bekannten Welt. Sie schließen sich in einen engen, dunklen Kokon ein und wirken leblos. Doch ihr scheinbares Ende ist der Beginn einer neuen Wirklichkeit, die sie verwandelt wiederkommen lässt.
In diesen schweren Zeiten, die uns beängstigen, einengen und lähmen, kann der Schmetterling für uns zum Hoffnungszeichen werden: Was wir jetzt sehen und erleben, ist noch nicht alles. Im Vertrauen auf einen Gott, der für das Leben steht, haben Verzweiflung, Angst und Tod nicht das letzte Wort, wie uns das Osterfest immer wieder in Erinnerung ruft: Wie der Schmetterling hat auch Jesus die Erfahrung der Dunkelheit bis zum Tod gemacht, um dann zu neuem Leben auferweckt zu werden. Daher war schon im frühen Christentum der Schmetterling ein Symbol für die Auferstehung. 
Und wir als Getaufte haben Anteil an dieser schmetterlingshaften Existenz: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ (Joh 11,25)
Wie ein Schmetterling die Welt um sich herum bunter macht und mit einer neuen Perspektive auf das Leben blickt, sind auch wir Christen herausgefordert, für das Leben einzutreten, Farbe in die Welt zu bringen und Hoffnungsperspektiven aufzuzeigen. Gerade für die dunklen Stunden wünsche ich uns allen einen Schmetterling im Kopf, der Hoffnung entfacht, Mut macht und Flügel schenkt.

Tobias Petry, Pastoralreferent im Dekanat St. Goar
 


Fixpunkt, erschienen in der RZ am 11.03.2021

Und ich bleibe dennoch

In den letzten Jahren hat es mich immer bewegt, wenn die Meldungen aus den Stadtverwaltungen und Amtsgerichten bei mir auf dem Schreibtisch landeten, dass schon wieder jemand aus der Kirche ausgetreten ist, der hier wohnt oder hier getauft worden ist. Gott sei Dank sind es nicht die Riesenscharen wie sie laut Medienberichten jetzt in Köln auftreten, obwohl es nach Befragungen und vorliegenden Zahlen im Januar und Februar 2020 nicht weniger Austritte gegeben hat als jetzt. Also eher ein Medienhype und gezielte Aktion der Meinungsmache.

Ich kann viele verstehen, die angesichts der momentanen Wahrnehmung der Kirche und deren seltsames Gebaren im Umgang mit den aktuellen Fragen sich ermutigt fühlen, ein Zeichen zu setzen und diese Kirche zu verlassen. Und doch denke ich, dass „Pro“ und „Contra“ in dieser Frage sich die Waage halten, ja ich denke, dass sogar die Schale für die Kirche stärker wiegt, wenn ich genauer hinschaue. Es gibt vieles, was in der Kirche schlecht gelaufen ist und noch schlecht läuft. Es gibt Dinge wie Missbrauch, Heuchelei, Neid, Überheblichkeit und Arroganz. Und schade, dass diese Dinge oft den Kern von Kirche verschleiern und verdecken.

Aber es gibt auch die Kirche einer Mutter Theresa, eines Roger Schutz oder Oscar Romero, eines Charbel Mahlouf oder der Kinderärztin Gianna Beretta Molla. Es ist die Kirche, die in ihrer Geschichte dafür gesorgt hat, dass wir den Bildungstatus haben, der heute als normal gilt. Schulen und Universitäten waren einmal reine kirchliche Einrichtungen. Die heutige Sozialvorsorge, die Gesundheitsfürsorge ist ohne das Engagement der Kirche im 19. Jahrhundert durch die vielen Ordensgründungen überhaupt nicht vorstellbar. Die Brüder und Schwestern damals haben allerdings noch für Gottes Lohn gearbeitet, wo heute Krankenhausgesellschaften leider Profit erwirtschaften und damit das ursprüngliche Ideal verhöhnen. Selbst unsere soziale Marktwirtschaft, wo sie noch nicht dem fatalen Turbokapitalismus zum Opfer gefallen ist, ist ohne die katholische Soziallehre eines Jesuitenpaters Nell-Breuning nicht denkbar.

Und es gibt immer noch Einrichtungen in unserem Umfeld, die nur dank des Kirchensteuersystems funktionieren, sei es eine JBS wie die in Boppard oder das Jugendzentrum in Sohren, seien es die Lebensberatungsstellen in Simmern, die Suchtberatungen in Boppard, die Telefonseelsorge Mittelrhein oder unsere Pfarreien und Kirchen vor Ort. Allein deshalb lohnt es sich dabei zu bleiben und etwas vor Ort zu verändern. …deshalb bleibe ich

Hermann-Josef Ludwig, Dechant


Fixpunkt, erschienen in der RZ am 05.02.2021

Lichtblicke im Corona-Alltag

Bedrohliche Nachrichten strömen Tag für Tag auf uns ein: Die Impfkampagne ist ins Stocken geraten, neue Mutationen sorgen selbst bei Experten für Fragezeichen und niemand weiß, wie lange der Lockdown noch dauern wird. Es sind jede Menge Unsicherheitsfaktoren, denen wir in diesen Tagen ausgesetzt sind. Die Corona-Pandemie zeigt uns auf unangenehme Weise, wie wenig Kontrolle wir über unser Leben im Moment haben. Manche öffnen sich aus diesem Grund leider den realitätsfernen Parolen von Verschwörungstheoretikern, die ihnen Sicherheit und Halt vorgaukeln.

Für mich ist die Orientierung, die ich im Glauben finde, in diesen Zeiten ein großes Geschenk. Besonders wichtig ist mir ein Wort aus der Bibel aus dem Buch des Propheten Jesaja geworden. Darin spricht Gott zum Volk Israel, als dieses eine Situation erlebte, die von großer Unsicherheit und Perspektivlosigkeit geprägt war. Er sagt: „Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort.“

Ein Versprechen, das nicht nur für eine Krise vor 2500 Jahren gilt als der Text entstand, sondern auch uns heute zugesagt ist. Ich höre daraus, dass mich jemand begleitet, der Herr der Lage ist, selbst wenn ich überfordert bin und den Weg nicht mehr sehe. Das gibt mir das Vertrauen, dass ich an bedrückenden Tagen, an denen die Strömung besonders stark ist, nicht untergehe.

Wenn ich persönlich auf die letzten Wochen zurückschaue, erkenne ich Trittsteine, kleine Lichtblicke in meinem Alltag, die mir zeigen, dass ich nicht allein durch diese Krise gehen muss. Ich erkenne sie, wenn ich mich frage, wofür ich im Moment dankbar bin. An manchen Tagen ist das für mich ein spontaner Anruf von einem Freund, der sich bei mir erkundigt, wie es mir geht. An anderen Tagen ist es ein Spaziergang mit meiner Freundin oder der erste Gesang einer Amsel in diesem Jahr, die ankündigt, dass der Frühling nicht mehr fern ist. Welche Lichtblicke haben Sie zuletzt in Ihrem Alltag erlebt?

Tobias Wolff, Pastoralassistent im Dekanat St. Goar


Fixpunkt, erschienen in der RZ am 27.11.2020

Worauf warten wir noch?

Sobald ich im Internet eine Bestellung aufgegeben habe, erreicht mich auch schon eine Mail mit einer Bestätigung. Wenig später wird mir schon der Versand angekündigt, und bei manchem Dienstleister lässt sich die Zustellung eines Paketes fast minutengenau avisieren. Man kann die Sendung quasi in Echtzeit verfolgen und kommen sehen. Warten sieht anders aus.
Worauf warten wir noch? – Klar, viele sehnen sich nach dem Corona-Impfstoff, der bald kommen soll. Andere warten sehnsüchtig auf die Zeit, in der die aktuellen Einschränkungen vorbei sind und wieder mehr Normalität und Freiheit im Leben möglich ist. Und nicht zu vergessen, viele Kinder warten in den Tagen des Advents auf das Kommen des Christkindes. Wer nicht mehr warten kann, stößt schnell an eine Grenze und die Geduld ist dann am Ende.
Warten hat etwas mit Er-Warten zu tun. Erwartungen können sehr verschieden sein. Manchmal werden meine Erwartungen enttäuscht oder nicht erfüllt, weil sie vielleicht zu groß sind, oder das Leben andere Wege geht. Menschen mit Erwartungen haben eine Perspektive, sie sehen eine Zukunft. Ich gebe zu, auch ich habe mich schon oft geärgert, wenn die Corona-Bekämpfungsmaßnahmen mir einen Strich durch meine Planungen gemacht haben, oder wenn Dinge in den letzten Monaten nicht so gelaufen sind, wie es meinen Erwartungen entsprach. Doch habe ich dann versucht, nach neuen Wegen zu suchen, vielleicht einmal einen Moment zu warten und dann einen neuen Versuch zu wagen.
Worauf warten wir noch? – Neben der Frage worauf wir warten hat dieser Satz noch eine zweite Bedeutung: „Worauf warten wir noch?“ will eine Aufforderung sein, aktiv zu werden, loszugehen, einen Anfang zu wagen. Vielleicht kann dabei der Blick einmal weg von den eigenen Wünschen auf die Sorgen und Nöte unserer Mitmenschen gehen?
Für uns Christen beginnt mit dem Ersten Advent das neue Kirchenjahr und wir dürfen in diesen Wochen auf das Fest der Geburt unseres Herrn und Erlösers, Jesus Christus, zugehen. Das verlangt von uns allen noch ein paar Wochen Geduld und eine Zeit des Wartens. Bei allem „Stress“ den diese Zeit mit sich bringt, erlebe ich diese Zeit aber immer wieder als ein Geschenk: Wir dürfen immer wieder neu anfangen und Neues er-warten. Das Evangelium des Ersten Adventssonntags (Markus 13, 24-37) ruft gleich mehrmals zum Bereitsein und zur Wachsamkeit auf: „Seid wachsam!“ - Worauf warten wir noch? 
Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Adventszeit nutzen können, als eine Zeit des Er-Wartens. Und vielleicht gelingt es in den kommenden Wochen, das Warten nicht nur auszuhalten, sondern bewusst anzunehmen und den eigenen Erwartungen noch einmal eine neue Richtung zu geben. Also, worauf warten wir noch?

Christian Adams, Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Vorderhunsrück


Fixpunkt, erschienen in der RZ am 30.10.2020

Menschen sind das größte Kapital

„Das größte Kapital der Kirche sind die Menschen, die dem Evangelium trauen“. v. Prof. Dr. Jan Loffeld (Priester und Pastoraltheologe)

Wie wirkt diese Aussage auf uns? Oder geht sie völlig an uns vorbei? Egal.

Für mich benennt sie in einem kurzen Satz worum es geht, wenn wir über die Zukunft der Kirche nachdenken.

Das Evangelium, das wir jeden Sonntag im Gottesdienst hören oder auch täglich in der Bibel nachschlagen können, erzählt uns vom Leben Jesus und will uns seine Bedeutung für unser Leben vermitteln.

Doch scheint es so, dass wir eher die Botschaft überhören und die Bibel eher geschlossen bleibt. Die Menschen, die dem Evangelium trauen,  wo sind sie? Oder trauen sie sich nicht, davon zu berichten.

Warum teilen wir sie uns nicht mit – die vielen guten Erfahrungen? Wir sind es einfach nicht gewohnt Glaubenserfahrungen weiterzugeben.

Manche meinen auch die Aussagen der Bibel nicht richtig zu verstehen. Die Predigt, die das Evangelium erklären will, geht über die Köpfe ihrer Hörer hinweg. Sie berührt nicht die konkrete Lebenssituation der Menschen. Das größte `“Kapital der Kirche“ geht so in unseren Gemeinden verloren. Wir sind noch viel zu sehr damit beschäftigt zu planen und zu organisieren und drehen uns im Kreis. 

In unserer Kirche hören wir immer wieder vom synodalen Weg und von Strukturen, die verändert werden müssen. Das ist sicher auch von Bedeutung. Aber die geforderten Reformen müssen auch beinhalten, dass der Glaube an Jesus Christus lebendig wird. Eine Strukturveränderung alleine trägt leider nicht dazu bei, dass unsere Gemeinden lebendiger werden und dem „Evangelium trauen“ .

Papst Franziskus redet von neuen und radikalen Wegen, wenn es darum geht das Evangelium zu leben und das Reich Gottes zu verkünden. Der Heilige Geist, der uns bei unserer Firmung versprochen wurde, kann uns dabei helfen mit Mut und Vertrauen diese Zusage Gottes in unserem Leben in Anspruch zu nehmen. Wir alle können an diesem Reich Gottes mit bauen.

„Ja es könnte sein, dass die Kirche von morgen „kleiner“ ist – aber sie wird Zeugnis geben an den verschiedenen Orten des Lebens durch Männer und Frauen, die gepackt sind vom Glauben, und zusammen mit vielen anderen auf der Suche sind nach der Fülle des Lebens. Das macht mir keine Angst, das macht mir Lust,“ so schreit Christian Hennecke (Leiter d. Hauptabteilung Pastoral,Hildesheim).  Hier träumt ein Mensch von einer Kirche, in der die Menschen dem Evangelium trauen und daraus ihr Leben kraftvoll und geisterfüllt gestalten. 

Träumen wir mit ihm.

Renate Wessling, Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Bacharach


Fixpunkt, erschienen in der RZ am 28.08.2020

Wenn Jugendliche über sich hinauswachsen

Nun sind die Sommerferien vorbei und auch die 15 Tage out-door-Ferienprogramm in Kooperation mit der Jugendpastoral des Dekanats St. Goar liegen hinter mir. Paddeln, Klettern, Radfahren. Dies waren die drei Sportarten, in denen sich die jugendlichen Teilnehmer*innen üben konnten. Da wurde von Ihnen etwas verlangt, da musste körperliche Leistung gebracht werden, um an´s Ziel zu kommen. Ohne Paddeln bleibt das Boot auf der Lahn einfachen stehen, ohne Treten rollt das Fahrrad zwar noch eine gewisse Zeit, aber dann fällt es um, ohne Konzentration und Mut wird die Klettersteigstation nicht gemeistert.

Ich erlebte, wie Jugendliche über sich hinaus wuchsen, Anforderungen schafften, denen sie am Anfang zurückhaltend und kritisch gegenüberstanden. Danach waren sie zufrieden mit sich und stolz auf sich, auf das, was Ihnen auf einmal möglich war, mit dem sie so nicht gerechnet hatten. Wie konnte dies geschehen? Da war zum einen der Ansporn aus der Gruppe „Du schaffst das.“ Da war das Zutrauen der Teamer in die Fähigkeiten des Einzelnen, in seine und ihre Potenziale. Und da war der Mut dieses Zutrauen der anderen ernst zu nehmen.

Dies kenne ich auch aus meinem Leben, dass andere mir etwas zutrauen, das ich selbst noch gar nicht sehe und nicht weiß, wie ich dies erreichen könnte. Aber dieses Zutrauen machte und macht mir Mut mich auszuprobieren, neue Fähigkeiten an mir zu erleben, auf Geschafftes mit Dankbarkeit und auch dann Stolz zu blicken.

Mit Gott ist es genauso: er traut mir etwas zu, er weiß um meine Potenziale und Möglichkeiten, auch wenn ich diese selbst manchmal nicht erkenne. Er macht mir Mut Neues zu wagen und schenkt mir die Gewissheit, dass ich nicht tiefer fallen kann als in seine Hand. So hat es einmal eine evangelische Landesbischöfin formuliert und so hat es Petrus erlebt, als er für sich völlig Neues wagte. Als ihn in diesem Wagnis der Mut verließ und der Zweifel groß wurde, da war die Hand Jesu da und zog ihn ins Boot.

Ob die Jugendlichen dahingehend denken und empfinden, weiß ich nicht. Aber die Erfahrung, dass das Zutrauen anderer neue Energie und neues, nicht gedachtes Handeln ermöglicht. Diese Erfahrung haben sie auf jeden Fall gemacht.

Hermann Schmitt, Leiter der JugendBegegnungsStätte St. Michael in Boppard


Fixpunkt, erschienen in der RZ am 03.07.2020

Jeder kann einen Wind entfachen, der antreibt

Für viele Schülerinnen und Schüler war heute der letzte Schultag vor den Sommerferien. Ein aufregendes und aufreibendes Schuljahr liegt hinter ihnen. Homescooling, Abstandsregelungen in der Schule und in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie zwischenzeitliche Kontaktsperren zu ihren Freundinnen und Freunden prägten die letzten Wochen und Monate. Viele sehnen sich nach Erholung in der Ferne, doch so richtig Urlaubsstimmung kommt nicht auf, wenn selbst in Schwimmbädern Abstandsregeln eingehalten werden müssen.

All diese Herausforderungen unserer Zeit strömen auf uns ein und wirbeln unsere Pläne durcheinander. So mussten viele Jugendfreizeiten aus Sicherheitsgründen abgesagt werden, wie der Segeltörn des Dekanats in Kooperation mit der JugendBegegnungsStätte. Uns wurde sprichwörtlich der Wind aus den Segeln genommen.

Mit dieser Situation geht jeder anders um. Während die einen resignieren, setzen die anderen die Segel neu. Zahlreiche Angebote für Jugendliche werden überall im Rhein-Hunsrück-Kreis von unterschiedlichen Trägern in den Sommerferien angeboten. Sportliche Outdoor-Aktivitäten, wie Kletten, Kanu-Fahren oder Radtouren, aber auch Tagesfreizeiten, Urlaub daheim oder ein Walderlebniswochenende schaffen Räume, damit Kinder und Jugendliche nicht auf sich allein gestellt sind, sondern trotz Corona-Einschränkungen spannende Tage verbringen, Beziehungen knüpfen und wertvolle Erfahrungen sammeln können.

All die Menschen, die sich dafür einsetzen, dass junge Menschen in den Stürmen ihres Alltags nicht alleingelassen werden, machen mir Mut. Durch sie wird auch in diesen turbulenten Zeiten der Gott erfahrbar, der uns nicht den hohen Wellen ausliefert, die unser Leben bedrohen, und der auch in den Stürmen unseres Alltags bei uns ist. Sie zeigen uns, dass jede und jeder von uns einen neuen Wind entfachen kann, der antreiben und voranbringen kann, selbst in scheinbar windstillen Zeiten.

Tobias Petry, Pastoralreferent im Dekanat St. Goar