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Fixpunkte in der Rhein-Hunsrück-Zeitung

Fixpunkt, erschienen in der RZ am 27.11.2020

Worauf warten wir noch?

Sobald ich im Internet eine Bestellung aufgegeben habe, erreicht mich auch schon eine Mail mit einer Bestätigung. Wenig später wird mir schon der Versand angekündigt, und bei manchem Dienstleister lässt sich die Zustellung eines Paketes fast minutengenau avisieren. Man kann die Sendung quasi in Echtzeit verfolgen und kommen sehen. Warten sieht anders aus.
Worauf warten wir noch? – Klar, viele sehnen sich nach dem Corona-Impfstoff, der bald kommen soll. Andere warten sehnsüchtig auf die Zeit, in der die aktuellen Einschränkungen vorbei sind und wieder mehr Normalität und Freiheit im Leben möglich ist. Und nicht zu vergessen, viele Kinder warten in den Tagen des Advents auf das Kommen des Christkindes. Wer nicht mehr warten kann, stößt schnell an eine Grenze und die Geduld ist dann am Ende.
Warten hat etwas mit Er-Warten zu tun. Erwartungen können sehr verschieden sein. Manchmal werden meine Erwartungen enttäuscht oder nicht erfüllt, weil sie vielleicht zu groß sind, oder das Leben andere Wege geht. Menschen mit Erwartungen haben eine Perspektive, sie sehen eine Zukunft. Ich gebe zu, auch ich habe mich schon oft geärgert, wenn die Corona-Bekämpfungsmaßnahmen mir einen Strich durch meine Planungen gemacht haben, oder wenn Dinge in den letzten Monaten nicht so gelaufen sind, wie es meinen Erwartungen entsprach. Doch habe ich dann versucht, nach neuen Wegen zu suchen, vielleicht einmal einen Moment zu warten und dann einen neuen Versuch zu wagen.
Worauf warten wir noch? – Neben der Frage worauf wir warten hat dieser Satz noch eine zweite Bedeutung: „Worauf warten wir noch?“ will eine Aufforderung sein, aktiv zu werden, loszugehen, einen Anfang zu wagen. Vielleicht kann dabei der Blick einmal weg von den eigenen Wünschen auf die Sorgen und Nöte unserer Mitmenschen gehen?
Für uns Christen beginnt mit dem Ersten Advent das neue Kirchenjahr und wir dürfen in diesen Wochen auf das Fest der Geburt unseres Herrn und Erlösers, Jesus Christus, zugehen. Das verlangt von uns allen noch ein paar Wochen Geduld und eine Zeit des Wartens. Bei allem „Stress“ den diese Zeit mit sich bringt, erlebe ich diese Zeit aber immer wieder als ein Geschenk: Wir dürfen immer wieder neu anfangen und Neues er-warten. Das Evangelium des Ersten Adventssonntags (Markus 13, 24-37) ruft gleich mehrmals zum Bereitsein und zur Wachsamkeit auf: „Seid wachsam!“ - Worauf warten wir noch? 
Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Adventszeit nutzen können, als eine Zeit des Er-Wartens. Und vielleicht gelingt es in den kommenden Wochen, das Warten nicht nur auszuhalten, sondern bewusst anzunehmen und den eigenen Erwartungen noch einmal eine neue Richtung zu geben. Also, worauf warten wir noch?

Christian Adams, Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Vorderhunsrück


Fixpunkt, erschienen in der RZ am 30.10.2020

Menschen sind das größte Kapital

„Das größte Kapital der Kirche sind die Menschen, die dem Evangelium trauen“. v. Prof. Dr. Jan Loffeld (Priester und Pastoraltheologe)

Wie wirkt diese Aussage auf uns? Oder geht sie völlig an uns vorbei? Egal.

Für mich benennt sie in einem kurzen Satz worum es geht, wenn wir über die Zukunft der Kirche nachdenken.

Das Evangelium, das wir jeden Sonntag im Gottesdienst hören oder auch täglich in der Bibel nachschlagen können, erzählt uns vom Leben Jesus und will uns seine Bedeutung für unser Leben vermitteln.

Doch scheint es so, dass wir eher die Botschaft überhören und die Bibel eher geschlossen bleibt. Die Menschen, die dem Evangelium trauen,  wo sind sie? Oder trauen sie sich nicht, davon zu berichten.

Warum teilen wir sie uns nicht mit – die vielen guten Erfahrungen? Wir sind es einfach nicht gewohnt Glaubenserfahrungen weiterzugeben.

Manche meinen auch die Aussagen der Bibel nicht richtig zu verstehen. Die Predigt, die das Evangelium erklären will, geht über die Köpfe ihrer Hörer hinweg. Sie berührt nicht die konkrete Lebenssituation der Menschen. Das größte `“Kapital der Kirche“ geht so in unseren Gemeinden verloren. Wir sind noch viel zu sehr damit beschäftigt zu planen und zu organisieren und drehen uns im Kreis. 

In unserer Kirche hören wir immer wieder vom synodalen Weg und von Strukturen, die verändert werden müssen. Das ist sicher auch von Bedeutung. Aber die geforderten Reformen müssen auch beinhalten, dass der Glaube an Jesus Christus lebendig wird. Eine Strukturveränderung alleine trägt leider nicht dazu bei, dass unsere Gemeinden lebendiger werden und dem „Evangelium trauen“ .

Papst Franziskus redet von neuen und radikalen Wegen, wenn es darum geht das Evangelium zu leben und das Reich Gottes zu verkünden. Der Heilige Geist, der uns bei unserer Firmung versprochen wurde, kann uns dabei helfen mit Mut und Vertrauen diese Zusage Gottes in unserem Leben in Anspruch zu nehmen. Wir alle können an diesem Reich Gottes mit bauen.

„Ja es könnte sein, dass die Kirche von morgen „kleiner“ ist – aber sie wird Zeugnis geben an den verschiedenen Orten des Lebens durch Männer und Frauen, die gepackt sind vom Glauben, und zusammen mit vielen anderen auf der Suche sind nach der Fülle des Lebens. Das macht mir keine Angst, das macht mir Lust,“ so schreit Christian Hennecke (Leiter d. Hauptabteilung Pastoral,Hildesheim).  Hier träumt ein Mensch von einer Kirche, in der die Menschen dem Evangelium trauen und daraus ihr Leben kraftvoll und geisterfüllt gestalten. 

Träumen wir mit ihm.

Renate Wessling, Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Bacharach


Fixpunkt, erschienen in der RZ am 28.08.2020

Wenn Jugendliche über sich hinauswachsen

Nun sind die Sommerferien vorbei und auch die 15 Tage out-door-Ferienprogramm in Kooperation mit der Jugendpastoral des Dekanats St. Goar liegen hinter mir. Paddeln, Klettern, Radfahren. Dies waren die drei Sportarten, in denen sich die jugendlichen Teilnehmer*innen üben konnten. Da wurde von Ihnen etwas verlangt, da musste körperliche Leistung gebracht werden, um an´s Ziel zu kommen. Ohne Paddeln bleibt das Boot auf der Lahn einfachen stehen, ohne Treten rollt das Fahrrad zwar noch eine gewisse Zeit, aber dann fällt es um, ohne Konzentration und Mut wird die Klettersteigstation nicht gemeistert.

Ich erlebte, wie Jugendliche über sich hinaus wuchsen, Anforderungen schafften, denen sie am Anfang zurückhaltend und kritisch gegenüberstanden. Danach waren sie zufrieden mit sich und stolz auf sich, auf das, was Ihnen auf einmal möglich war, mit dem sie so nicht gerechnet hatten. Wie konnte dies geschehen? Da war zum einen der Ansporn aus der Gruppe „Du schaffst das.“ Da war das Zutrauen der Teamer in die Fähigkeiten des Einzelnen, in seine und ihre Potenziale. Und da war der Mut dieses Zutrauen der anderen ernst zu nehmen.

Dies kenne ich auch aus meinem Leben, dass andere mir etwas zutrauen, das ich selbst noch gar nicht sehe und nicht weiß, wie ich dies erreichen könnte. Aber dieses Zutrauen machte und macht mir Mut mich auszuprobieren, neue Fähigkeiten an mir zu erleben, auf Geschafftes mit Dankbarkeit und auch dann Stolz zu blicken.

Mit Gott ist es genauso: er traut mir etwas zu, er weiß um meine Potenziale und Möglichkeiten, auch wenn ich diese selbst manchmal nicht erkenne. Er macht mir Mut Neues zu wagen und schenkt mir die Gewissheit, dass ich nicht tiefer fallen kann als in seine Hand. So hat es einmal eine evangelische Landesbischöfin formuliert und so hat es Petrus erlebt, als er für sich völlig Neues wagte. Als ihn in diesem Wagnis der Mut verließ und der Zweifel groß wurde, da war die Hand Jesu da und zog ihn ins Boot.

Ob die Jugendlichen dahingehend denken und empfinden, weiß ich nicht. Aber die Erfahrung, dass das Zutrauen anderer neue Energie und neues, nicht gedachtes Handeln ermöglicht. Diese Erfahrung haben sie auf jeden Fall gemacht.

Hermann Schmitt, Leiter der JugendBegegnungsStätte St. Michael in Boppard


Fixpunkt, erschienen in der RZ am 03.07.2020

Jeder kann einen Wind entfachen, der antreibt

Für viele Schülerinnen und Schüler war heute der letzte Schultag vor den Sommerferien. Ein aufregendes und aufreibendes Schuljahr liegt hinter ihnen. Homescooling, Abstandsregelungen in der Schule und in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie zwischenzeitliche Kontaktsperren zu ihren Freundinnen und Freunden prägten die letzten Wochen und Monate. Viele sehnen sich nach Erholung in der Ferne, doch so richtig Urlaubsstimmung kommt nicht auf, wenn selbst in Schwimmbädern Abstandsregeln eingehalten werden müssen.

All diese Herausforderungen unserer Zeit strömen auf uns ein und wirbeln unsere Pläne durcheinander. So mussten viele Jugendfreizeiten aus Sicherheitsgründen abgesagt werden, wie der Segeltörn des Dekanats in Kooperation mit der JugendBegegnungsStätte. Uns wurde sprichwörtlich der Wind aus den Segeln genommen.

Mit dieser Situation geht jeder anders um. Während die einen resignieren, setzen die anderen die Segel neu. Zahlreiche Angebote für Jugendliche werden überall im Rhein-Hunsrück-Kreis von unterschiedlichen Trägern in den Sommerferien angeboten. Sportliche Outdoor-Aktivitäten, wie Kletten, Kanu-Fahren oder Radtouren, aber auch Tagesfreizeiten, Urlaub daheim oder ein Walderlebniswochenende schaffen Räume, damit Kinder und Jugendliche nicht auf sich allein gestellt sind, sondern trotz Corona-Einschränkungen spannende Tage verbringen, Beziehungen knüpfen und wertvolle Erfahrungen sammeln können.

All die Menschen, die sich dafür einsetzen, dass junge Menschen in den Stürmen ihres Alltags nicht alleingelassen werden, machen mir Mut. Durch sie wird auch in diesen turbulenten Zeiten der Gott erfahrbar, der uns nicht den hohen Wellen ausliefert, die unser Leben bedrohen, und der auch in den Stürmen unseres Alltags bei uns ist. Sie zeigen uns, dass jede und jeder von uns einen neuen Wind entfachen kann, der antreiben und voranbringen kann, selbst in scheinbar windstillen Zeiten.

Tobias Petry, Pastoralreferent im Dekanat St. Goar